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Unterwegs in lateinamerikanische Lebenswelten

Schüler der ESBZ unternahmen eine dreitägige Forschungsreise nach Lateinamerika. Die kulturanthropologisch-ethnologischen Projekttage zur inter-kulturellen Bildung und für den Lernbereich Globale Entwicklung feierten ihren Abschluss in einem traditionellen Heilritual mit einer peruanischen Schamanin.


Lateinamerika – ein riesiger und vielfältiger Sprachen- und Kulturraum, ein linguistischer und politisch-kultureller Begriff, aber auch euphorisches Lebensgefühl, aufregendes Reiseziel, kulturelle Schatzkammer. Lateinamerika ist ein 20 Millionen Quadratkilometer großer Subkontinent mit über 500 Millionen Menschen. Die lateinamerikanischen Länder sind voll extremer gesellschaftlicher Gegensätze und mit einer wechselvollen Geschichte versehen. In drei Projekttagen konnten wir uns natürlich nur mit einem kleinen Ausschnitt beschäftigen. Doch die Vorfreude war groß, die Motivationslage unter den Teilnehmern sehr gut. So ging es nach einem kurzen Einstieg in die Themen und einer raschen Einführung in die „Wissenschaft vom kulturell Fremden“ (Ethnologie), sowie in die „Lehre vom Menschen und seiner Kultur“ (Kulturanthropologie), gleich zur Sache. Die Schüler erfuhren von ihrem ‚Reiseleiter durch die Projekttage Lateinamerika’, Sacha Knoche, was ihn persönlich an Mittel- und Südamerika fasziniert und warum ihn die Regionen zwischen Rio Grande und Feuerland seit fast 20 Jahren nicht mehr loslassen.

Sacha Knoche, Anthropologe und Ethnologe, Dokumentarfilmer und Lehrbeauftragter an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, reiste erstmals 1994 durch Mexiko und Guatemala. Er drehte 2001 gemeinsam mit dem Filmemacher Jakob Wehrmann im kolumbianischen Bürgerkriegsgebiet einen Dokumentarfilm über den 15-jährigen John-William, der die zweite Klasse einer Internatsschule besuchte. Die Schule ist eine Insel des Friedens „Zwischen den Fronten“, so der Titel des Films aus der 3sat-Reihe „Fremde Kinder“. Denn sie liegt im Kampfgebiet der verfeindeten Kriegsparteien. Den 2003 zum ersten Mal im Fernsehen ausgestrahlten Film stellten die beiden Filmemacher am ersten Tag persönlich vor. „Der Film hat mich sehr berührt und ist mir noch immer in Erinnerung“, so die 16-jährige Thyra. Auch wenn das Leben der Schüler in der kolumbianischen Savanne ein Anderes ist als in einer deutschen Großstadt, lieferte der Film anschaulich Eindrücke vom Leben der Kolumbianer am Rande der Anden.

Wie unterschiedlich menschliche Wahrnehmungswelten, Beobachtungen eines Forschers und wissenschaftliche Erkenntnis sein können, erfuhren die Schüler am Nachmittag. Ein ethnographischer Film über die Kashinawa im peruanischen Amazonasgebiet kontrastierte und verglich unsere Welt und Wahrnehmung mit denen der Indígenas im Regenwald. Gleichzeitig läutete der Film einen Schwerpunkt der Projekttage ein: Indigene Kulturen in Südamerika.

Insgesamt verteilten sich 23 Schüler und Schülerinnen auf vier Projektthemen:
1. Indigene Kulturen und Religionen
2. Ökonomie und Ökologie
3. Regionale Küchen
4. Fußball

Jedes Projektteam erhielt ein kleines Starterpaket in Form eines Artikels, eines kurzen Films oder eines Buches. Von dort aus konnten sie ihre Forschungsreise unternehmen und selbst Schwerpunkte setzen. So entschied sich die erste Gruppe, die Kultur der Wayúu genauer zu betrachten und eine kleine Ethnografie über die auf der Guajira-Halbinsel im Nordosten Kolumbiens lebenden Indígenas anzufertigen. Den Lebensalltag, ihre politisch-wirtschaftliche Situation, aber auch ihre Religion und Mythen galt es zu erforschen. Es entstand unter anderem ein bezauberndes Wandgemälde. Im Vergleich zu den Wüstenindianern schaute sich ein Teil der Gruppe die in der Sierra Nevada de Santa Marta heimischen Kogis und ihre Kosmologie genauer an.  

Auch wenn die Lebenssituation für die meisten Nachfahren der amerikanischen Ureinwohner nach wie vor prekär und schwierig ist, sie in vielen Bereichen benachteiligt sind und ihr Lebensraum von verschiedenen Faktoren und Akteuren allenthalben bedroht ist, so gibt es doch, gerade in Kolumbien, eine starke und gut organisierte Bewegung (ONIC), die sich für die Belange der 102 indigenen Gruppen in dem Land einsetzt. Deutlich wurde die Problematik anhand eines konkreten Beispiels. Das Team um „Ökologie und Ökonomie“ knöpfte sich das Spannungsfeld Coca versus Kokain vor. Hier eine traditionelle Heil- und heilige Pflanze, die seit Jahrtausenden Verwendung im Andengebiet findet, dort eine moderne und gefährliche Rauschdroge für den westlichen Konsum. In einem hitzigen Streitgespräch zwischen Coca-Bauer, Kokainproduzent, Drogenfahnder, schamanischem Priester und Politiker – allesamt von den Schülern dargestellt - wurden die verschiedenen Positionen und kulturellen und medizinisch-spirituellen, ökonomischen und ökologischen Argumente vertreten.

Aspekte regionaler Küchen, wie Arepas aus Kolumbien, Mate aus Argentinien, Guacamole aus Mexiko oder eine süße Kokosspeise wurden nicht nur anschaulich vorgestellt und ihre kulturellen Herkünfte oder Hintergründe geschildert, sondern konnten auch sinnlich erfahrbar, nämlich gekostet werden. Es ging wild zu: In der Küche wurde eifrig gerührt, gebraten und gekocht. Die Ergebnisse sahen lecker aus und fanden reißenden Absatz.

Da im nächsten Jahr die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien stattfindet und der lateinamerikanische Fußball für seine Virtuosität berühmt ist, lag es nahe, sich mit der Bedeutung des Fußballs in Lateinamerika auseinanderzusetzen und die Vorbereitungen auf die WM 2014 genauer unter die Lupe zu nehmen. Der Wirtschaftsfaktor Fußball wurde anhand der explodierenden Baukosten und Risiken neuer WM-Stadien sowie weiterer Infrastrukturmaßnahmen anschaulich dargestellt. Aber wir erfuhren auch, was die „Hand Gottes“ (1) ist.
 
Nach anderthalb Tagen intensiver Beschäftigung mit den genannten Themen wurden die Arbeiten einem Teil der Schülerschaft am 3. Tag vorgestellt. Johanna findet: „Die Gruppenarbeit war sehr gut. Es war gut, dass wir uns mit einem selbstgewählten Thema noch einmal näher beschäftigen konnten.“ Thyra fügt hinzu: „Es waren sehr intensive drei Tage, in denen man viel gelernt hat.“ 

Doch das große Finale sollte erst noch kommen! Am Nachmittag des letzten Tages fand eine Mesada, ein schamanisches Heilritual statt, mit der peruanischen Curandera Amelia Rosalia Asalde Flores. Wir setzten uns alle in einen großen Kreis, mit dabei auch einige Lehrer. Die Spannung war groß, man hätte die berühmte Stecknadel fallen hören können. Während einer kurzen Einführung in den Schamanismus, der übrigens nahezu auf der ganzen Welt zu Hause ist und die älteste spirituelle Praktik und Heilmethode der Menschheit darstellt, baute Amelia ihre Mesa (Tisch) auf. Dort platziert sie ihre „Artes“ (Kraftobjekte), die aus Steinen, Muscheln, Stäben, Pflanzen, Duftwasser, Kräuteressenzen etc. bestehen, auf einem gewebten Tuch. Diese „Mesa“ unterstützt sie bei der Durchführung des Rituals. Energie und Mysterium spüren die Teilnehmer, wenn Amelia durch ihre Rassel, ihren Gesang und Pfeifen in Kontakt mit den Artes und ihren „Ancestros“ (Ahnen) tritt, die es ihr ermöglichen, die Tür zu einer spirituellen Ebene zu öffnen, in der sie die zur Behandlung erforderlichen Informationen sammelt („Rastreo“), störende Energien entfernt („Limpia“) und die Teilnehmer mit positiver Energie auflädt („Florecimiento“) (2). Amelia ließ unter den Anwesenden eine über 2000 Jahre alte Tonfigur, die Darstellung einer weiblichen Kraftfigur und das bedeutungsvollste Objekt auf der Mesa, herumgehen. So konnte sich jeder auf seine Weise mit der Geschichte einer jahrtausendalten Tradition und der Energie der Vorfahren, der Inkas und der Andenberge verbinden. Es ist ein unbeschreibliches und sehr persönliches Erlebnis.

„Die kleine Reise nach Lateinamerika hat mir wirklich sehr gefallen. Insgesamt fand ich, die Tage sehr gut aufgebaut. Am beeindruckendsten fand ich natürlich die Mesada. Es war unglaublich das zu erleben, spannend, ein kleines bisschen beängstigend und vor allem aber eine tolle neue Erfahrung,“ so Johanna zum Abschluss der Projekttage.

  1. Die Hand Gottes (span.: la mano de Dios) bezeichnet eine Situation während der Fußball-Weltmeisterschaft 1986, in der Diego Maradona seine Hand zu Hilfe nahm, um ein irreguläres Tor zu erzielen. Den Ausdruck prägte Maradona selbst, als er nach dem Spiel keine Reue zeigte und vor laufenden Kameras sagte: „Es war ein bisschen die Hand Gottes und ein bisschen Maradonas Kopf.“ (Wikipedia)
  2. Vgl. http://curanderaamelia.blogspot.de