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Bund will Berliner Schulen helfen - Mittwoch, 21. Januar 2009

Von Florentine Anders und Regina Köhler

Die Integrationsbeauftragte des Bundes, Maria Böhmer (CDU), hat die Länder aufgefordert, die Bundesmittel für Bildung auch für Integrationsarbeit auszugeben. Staatliche Schulen inBerlin sollen so vor dem Absturz gerettet werden. Doch das wird die Abwanderung guter Schüler an Privatschulen nicht stoppen. Ein Beispiel: Der DDR-Plattenbau aus den siebziger Jahren an der Wallstraße macht einen maroden Eindruck, die Fenster sind morsch, die Fassade blättert ab, auf dem Schulhof wuchert das Unkraut. Was aussieht wie ein Abrisshaus ist eine der begehrtesten Schulen in Mitte.

Die Evangelische Schule Berlin Zentrum, die im vergangenen Schuljahr hier eröffnet hat, erlebt einen regelrechten Ansturm von Eltern. Die Schule bietet alle Abschlüsse bis zum Abitur und ist seit September Teil des Modellversuches Gemeinschaftsschule. Die Anmeldezahlen seien vier- bis fünfmal höher als das Platzangebot, sagt Anita Mächler von der evangelischen Schulstiftung. Die öffentlichen Schulen in Mitte erleben eine regelrechte Fluchtbewegung von bildungsbewussten Familien an die Privatschulen. Der bauliche Zustand ist dabei ganz offensichtlich zweitrangig, Hauptgrund ist die Unzufriedenheit mit der Förderung der Schüler.

Konkurrenz der Privatschulen

„Die öffentlichen Schulen im Bezirk müssen hinsichtlich der Privatschulen konkurrenzfähig gemacht werden“, fordert Jochen Pfeifer, Schulleiter des John-Lennon-Gymnasiums in Mitte. Er gehört zu den 68 Schulleitern aus Mitte, die in einem kürzlich veröffentlichten Brandbrief vor dem „bildungspolitischen Aus“ ihres Bezirks warnten und in diesem Zusammenhang die Konkurrenz der Privatschulen anmahnten. Gute Schüler würden in Scharen aus dem öffentlichen Schulsystem an Privatschulen fliehen, heißt es da. Ziel müsse es sein, den öffentlichen Schulen soviel Eigenverantwortung zuzubilligen, wie sie die Privatschulen haben, forderte Pfeifer. „Sonst bleiben wir auf der Strecke“, warnte er.

Pfeifer gehörte auch zu den sieben Schulleitern aus Mitte, die gestern stellvertretend für alle 68 Unterzeichner des Brandbriefes bei der Integrationsbeauftragten des Bundes, Maria Böhmer (CDU), ins Kanzleramt eingeladen waren. Böhmer sagte den Rektoren ihre Unterstützung zu. Sie werde demnächst mit Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) über die Probleme der Schulen in Mitte sprechen, sagte sie. Außerdem will sie Kontakt zu den Botschaftern der Länder aufnehmen, aus denen die meisten Kinder nicht deutscher Herkunft stammen, die an den Berliner Schulen lernen. Die Botschaften sollen dabei helfen, die Wichtigkeit der Elternmitarbeit zu vermitteln. „Mit dem Angebot der Privatschulen können wir in Bezug auf Schülerfrequenzen, Musterraumprogrammen, Gestaltungsfreiheiten und Ausstattung nicht mithalten“, schreiben die Schulleiter.

Das Schulgesetz sehe zwar eine große Eigenverantwortung der Schulen vor, in der Praxis würde es bisher aber anders gehandhabt, sagt Schulleiter Pfeifer. „Die Bezirke müssen endlich umdenken“, fordert er. Das Bezirksamt habe die Funktion, umzusetzen, was die Schulen vorschlagen und nicht andersherum, wie es bisher der Fall war. Auch Mittes Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) weiß um die Anziehungskraft der Privatschulen. In einem Diskussionspapier, mit dem er auf die Forderungen der Schulleiter reagierte, verwies er auf die zunehmende soziale Entmischung an öffentlichen Schulen. „Immer mehr bildungsengagierte Eltern melden ihre Kinder an Privatschulen an, während Schüler aus schwierigen sozialen Verhältnissen an den öffentlichen Schulen bleiben müssen“, sagte Hanke. Diese Entwicklung müsse gestoppt werden. „Wir müssen die öffentlichen Schulen attraktiver machen“, so Hanke.

Außerdem müsse dafür gesorgt werden, dass sich Privatschulen vor allem in sozial schwierigen Gebieten ansiedeln und auch Schülern aus bildungsfernen Familien aufnehmen. Der Bezirk könne das befördern, indem er Privatschulinitiativen in Brennpunkten Immobilien bereitstelle. Das sind neue Töne, war doch bisher die Devise, die Gründung von Privatschulen eher zu behindern als zu befördern. Trotz allem erlebte der Bezirk wie ganz Berlin in den vergangenen fünf Jahren einen Boom an Neugründungen.

Besonders gefragt ist ein englischsprachiger Unterricht von der ersten Klasse an. Ein Trend, den die staatlichen Schulen verschlafen haben. Die Expansion der bilingualen Phorms-Schule in Berlin ist geradezu exemplarisch. Erst vor drei Jahren wurde die deutsch-englische Grundschule mitten im sogenannten Brennpunktviertel in der Ackerstraße in Mitte gegründet. Ein Jahr später kam die Gymnasialstufe hinzu. Gleichzeitig eröffneten Filialen in München, Frankfurt und Köln. In diesem Schuljahr starteten weitere Schulen in Hamburg, Hannover und in Lichterfelde. Inzwischen kommen auch viele Schulleiter von den öffentlichen Schulen in die Phorms-Schule und gucken, was sie in ihren Einrichtungen von dem Erfolgskonzept übernehmen können.

Ebenfalls in Mitte gestartet ist in diesem Schuljahr die bilinguale Cosmopolitan-School in der Rückerstraße. Das ehemalige Schulgebäude musste sich die Schulgründerin Yvonne Wende hart erkämpfen. Der Bezirk stellte sich stur und setzte auf eine Ausschreibung der Immobilie für den Meistbietenden. Nur durch den großzügigen Einsatz von Hans Wall konnte die Schul-Initiative den Kampf um das Gebäude schließlich für sich entscheiden. In diesem Sommer soll eine siebente Klasse dazu kommen, so dass die Grundschüler bis zum Abitur geführt werden. Über mangelnde Nachfrage kann sich Yvonne Wende nicht beschweren, obwohl die benachbarte Metropolitan-School ein ähnliches Profil bietet. Englisch steht auch im Focus der Neugründung, die in diesem Sommer am Lützowplatz an den Start gehen will. Hier eröffnet der Familienservice, der bisher vor allem als Kita-Träger in Erscheinung getreten ist, eine neue Privatschule. Der Standort liegt genau zwischen dem prosperierenden Potsdamer Platz und dem Problemviertel Potsdamer Straße.

Mit dem Konzept will die Schule beiden Milieus gerecht werden. „Global Education“ heißt das Modell. Vorbild sind die Global-Education-Schulen in Wien. Dort hat die Stadtverwaltung mit diesem Konzept Brennpunkt-Schulen vor dem Aus gerettet. In den Klassen unterrichten ein deutscher Lehrer und ein englischer Muttersprachler gemeinsam. Dadurch wird die Schule wieder attraktiv für bildungsnahe Schichten. Und auch die Migrantenkinder profitieren in Wien von dem Modell, denn sie lernen Englisch oft schneller als die deutschsprachigen Mitschüler. Das Konzept stößt auch bei den öffentlichen Berliner Schulen in sozial schwierigen Gebieten mit hohem Migrantenanteil auf großes Interesse.

An einer Info-Veranstaltung des Familienservice haben sechs Schulleiter teilgenommen. Viele wollen nicht mehr auf Veränderungen von oben warten und zusehen, wie die Schüler weiter abwandern. Aus der lange argwöhnisch beobachteten Konkurrenz der Privatschulen wird ein befruchtender Wettbewerb.

Auch die Willy-Brandt-Gesamtschule an der Grüntaler Straße in Wedding hat sich zur Selbsthilfe entschlossen, nachdem die Schließung bereits bevorstand. Rund 93 Prozent der Schüler stammen aus Migranten-Familien. Etwa 80 Prozent der Eltern sind Hartz-IV-Empfänger. Gemeinsam mit der privaten Evangelischen Schule in Mitte hat die Willy-Brandt-Schule ein Konzept entwickelt „Phönix aus der Asche“ ist der ambitionierte Name des Reformprogramms für die vom Bezirksamt bereits aufgegebene Schule.

Mehr Eigenverantwortung Weg vom lehrerzentrierten Unterricht, mehr Mitbestimmung und Eigenverantwortung – so heißt heute das Motto. Vier Hauptelemente bestimmen den Tag: Gruppenzeit – Lernbüro – Projektunterricht – Werkstatt. Jeder entscheidet sich täglich für eines der Fächer Deutsch, Mathematik, Englisch oder Gesellschaftskunde. In den fachspezifischen Lernbüros arbeiten die Schüler mit individuellem Arbeitstempo selbstständig.