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"Schule für alle" - Klasse, die evangelische Schule, 1-2008

Alles noch reine Ideen. Wie so vieles an der neuen Schule. Seit acht Monaten gibt es die weiterführende Schule im Stadtzentrum Berlins. Zunächst startete Rasfeld mit einer 7. Klasse, im Februar ist die zweite 7. Klasse dazugekommen. Im nächsten Schuljahr werden drei weitere Klassen folgen. Die Initiative zur neuen Schule ging aus von Eltern der evangelischen Grundschulen Mitte, Lichtenberg und Pankow. Sie wollten, dass das Modell eines integrativen, reformpädagogischen und jahrgangsübergreifenden Unterrichts nicht mit Klasse 6 endet.

Das endgültige Konzept der weiterführenden Schule ist noch im Werden. Klar ist nur, dass in dem Plattenbau in der Wallstraße vieles anders wird als anderswo. Noch haben die Schülerinnen und Schüler einige Stunden normalen Fachunterricht. Aber in einigen Monaten, erklärt die Schulleiterin, soll der Unterricht nur noch aus Projekten, Freiarbeit und „Werkstatt“ bestehen. Im Werkstattunterricht am Nachmittag beschäftigen sich die Jugendlichen mit Naturwissenschaften, Kunst und Musik. Projekte sind zeitlich begrenzt, allerdings sehr unterschiedlich lang: Baseball spielen – sechs Monate, Französisch lernen – vier Jahre, bei einem Künstler im Atelier mitarbeiten – drei Monate. Die Freiarbeit – zwei Stunden an jedem Schultag – nennt sich hier „Lernbüro“. Oder „Basics“. Um deutlich zu machen, so Rasfeld, dass die dabei erworbenen Fähigkeiten eben die Basis für alles sind: Deutsch, Mathematik, Englisch. Die Materialien dafür haben die Lehrerinnen in vielen Abendstunden weitgehend selbst erstellt.

Am Morgen verteilen sich nach einer kurzen Gruppenphase 44 Schülerinnen und Schüler auf drei Räume. Jetzt können sie wählen,
ob sie sich die nächsten eineinhalb Stunden mit Balladen, Berichten oder Rechtschreibung beschäftigen. Oder entsprechend mit Themen aus Mathematik und Englisch. In den Schulräumen steht dafür Material bereit, mit dem die Schüler weitgehend selbstständig lernen können. Die „Fünf Fragen des guten Berichts“ finden sich im Klassenraum auf einem Plakat an der Wand. Für das Thema Ballade gibt es einen Ordner, in dem die Schüler unter anderem CDs mit vertonten Projekte, Lernbüro, Werkstatt: die neue Schule
schafft den herkömmlichen Fachunterricht ab Balladen finden. Eine Ballade sollen die Schüler auswendig lernen. Für bessere und schnellere Schüler gibt es zusätzliche Aufgaben.

Die wichtigste Regel im „Lernbüro“: Erst die Mitschüler um Hilfe fragen. Eine Lehrerin steht in jedem Fachraum für Fragen der Schüler aber auch bereit. „Das Auswählendürfen ist ja eigentlich nur ein Trick, denn lernen müssen sie das meiste irgendwann ja doch: 18 Bausteine pro Fach innerhalb von drei Jahren“, sagt Rasfeld. „Aber wer wählen darf, lernt gleich viel lieber.“ Vor allem entscheiden die Schüler selbst, wann sie sich zum Test anmelden. Für jeden Baustein gibt es ein Zertifikat. Je nach Thema müssen die Schüler dazu Arbeitsunterlagen vorlegen, einen Vortrag halten, mit anderen ein szenisches Spiel vorführen oder einen schriftlichen Test absolvieren.

In den Klassen hat mittlerweile jeder seine Aufgabe gefunden. Einige sprechen mit gedämpfter Stimme, die Lehrerinnen wenden sich einzelnen Schülern zu. Ein Junge geht im Flur auf und ab. „Hast du eine Flurkarte?“, fragt ihn Caroline Treier, die Deutsch, Gesellschaftskunde, Musik und Kunst unterrichtet. Der Junge hat die „Flurkarte“. Er macht nämlich gerade ein „Laufdiktat“.

Dem nicht Eingeweihten erscheint hier vieles fremd. „Laufdiktat“ ist eine Methode, selbstständig Rechtschreibung zu üben. Der Schüler liest einen Satz eines Plakattextes, geht zu seinem Platz und schreibt ihn dann auf. Dann der nächste Satz und so fort. Andere Methoden sind Partnerdiktate oder Dosendiktate.

Noch sind es überwiegend Schüler mit Gymnasialempfehlung, die die beiden Klassen bevölkern. Doch für das nächste Schuljahr sind Kinder „von hochbegabt bis lernbehindert“ angemeldet, sagt Rasfeld. Auch körperbehinderte Kinder sind dabei. Das sei für ihre Schule nicht leicht zu bewältigen, denn anders als staatliche Schulen erhält die evangelische Schule keine zusätzlichen Sonderpädagogenstunden. Dennoch will Rasfeld im nächsten Schuljahr auf einer halben Stelle eine Sonderpädagogin einstellen. Finanzieren kann sie das nur, weil ihre Schule ins Berliner Modellprojekt der „Gemeinschaftsschulen“ aufgenommen wurde, für das die Stadt einige zusätzliche Lehrerstunden gewährt. Mindestens 20 Prozent Schüler mit Hauptschulempfehlung soll eine „Gemeinschaftsschule“ aufweisen. Ab dem nächsten Schuljahr wird die neue Schule diese Quote erfüllen. Und eine Doppelbesetzung in vielen Stunden ist möglich, weil im reformpädagogischen Unterricht die in Gesamtschulen üblichen Differenzierungskurse in den Hauptfächern wegfallen.

Schüler mit Handicap gibt es allerdings schon jetzt an der Schule Berlin-Zentrum. Solche mit Lese-Rechtschreib-Schwäche etwa. Für sie hat die Deutschlehrerin spezielle Arbeitsblätter erstellt. Bei Diktaten erhalten sie als Erleichterung einen vorgeschriebenen Text mit Lücken. „Eine Schülerin hatte starke Hemmungen, als sie hierherkam, aber jetzt hat sie keine Angst mehr“, berichtet Caroline Treier. Eigentlich sollte sie ein spezielles Zertifikat für Rechtschreibung erhalten. „Aber sie hat geübt und dreimal den normalen Test gemacht – bis sie ihn bestanden hat.“

Auch zwei Schulverweigerer, die drei Monate lang die Schule geschwänzt haben, weil sie mit dem Stress auf dem Gymnasium nicht fertig wurden, besuchen seit einigen Wochen die Schule. „Sie fielen von Anfang an überhaupt nicht auf. Ich wusste zuerst gar nicht, dass sie schon dabei waren“, sagt Treier. Ebenso sind die Jugendlichen mit Migrationshintergrund hier unauffällig. Immerhin rund 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler haben ausländische Wurzeln, aber alle sprechen perfekt deutsch.

Dennoch hält die Schulleiterin interkulturelle Arbeit für eine wichtige Aufgabe der Schule. Und sucht dafür – wie für so viele andere Projekte – außerschulische Partner. „Lernen, zusammen zu leben, ist eines unserer Schulziele“, sagt Rasfeld. Das lerne man am besten, wenn die Heterogenität möglichst groß sei. „Das Andersseindürfen ist eine Grunderfahrung bei uns.“ Die drei Eckpunkte aus dem Schulprogramm der Gesamtschule, die Rasfeld früher geleitet hat, möchte sie auch für ihre neue Schule übernehmen: Lernen, Wissen zu erwerben; lernen, zusammen zu leben; lernen, zu handeln. Und wie die staatliche Gesamtschule in Essen soll auch ihre neue Schule eine „Agenda-Schule“ werden, die sich besonders an den Herausforderungen der Agenda 21 orientiert, dem umwelt- und entwicklungspolitischen UN-Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert.

„Die Agenda 21 ist eine Konkretisierung des Evangeliums“, betont die Schulleiterin, „ein zentraler Punkt unseres evangelischen Profils.“ Daneben prägen Gottesdienste, Gebete, die „Haltung, in der wir miteinander umgehen“, und die Zusammenarbeit mit der Kirchengemeinde das Profil. Und dass die Schüler sich im Gemeinwesen engagieren. Das „Projekt Verantwortung“ ist darum keine Nebensache, sondern ein wichtiges Element des Unterrichts. Hier machen die Siebtklässler Besuche im Altenheim, führen Kindergartenkindern naturwissenschaftliche Experimente vor, fungieren als „Spielplatz-Paten“ oder klären Grundschüler darüber auf, welches Umweltpapier wirklich umweltfreundlich ist.

Den großen Zulauf, den die Schule schon gefunden hat, erklärt sich die engagierte Pädagogin damit, dass ihre Schule nicht nur reformpädagogische Methoden, sondern auch eine besondere Sinngebung anbietet. „Oft ändert sich in Schulen nicht viel, weil sich die Strukturen nicht ändern“, resümiert die 56-Jährige die schulpolitische Situation in Deutschland. Es werde gefragt: „Ist der Schüler gut genug?“ Und nicht: „Wo liegen seine Stärken?“ Das sei eben an ihrer Schule anders. Hier lautet die Botschaft: „Ich kann!, statt: du sollst!“

Tatsächlich ist das immer wieder zu spüren. Am Ende jeder Woche sitzen alle Schülerinnen und Schüler in der Klasse im Kreis und sagen reihum, worauf sie stolz sind. „Ich bin stolz auf mein Mathe-Zertifikat, denn das war sehr gut“, sagt Nicolas. „Dass ich mit dem Ordner Dreiecke fertig geworden bin“, schließt sein Nachbar an. Leander zögert: „Eigentlich bin ich gerade auf nicht so viel stolz“, sagt der Junge. „Worauf könnte Leander stolz sein?“, fragt Caroline Treier in die Runde. Shana meldet sich: „Ich habe gehört, wie er die Ballade geübt hat. Das war sehr laut und sehr gut betont.“ Leander guckt noch etwas ungläubig. „Meinst du, das war eher negativ oder positiv gemeint?“, fragt die Lehrerin. „Negativ“, sagt Leander leise. „Ich glaube, das war positiv gemeint“, erwidert die Lehrerin. Und die Mitschülerin nickt dazu.

Das Selbstbewusstsein der Schülerinnen und Schüler stärkt auch,dass sie in vielen Fragen mitentscheiden dürfen. Im wöchentlichen „Klassenrat“ beraten sie über alles, was sie betrifft, die Neugestaltung des Pausenhofs wie Regeln für das Verhalten im Lernbüro.

Die Schulversammlung ist ein weiterer Ort der Mitsprache. Bisher ist es nur ein kleiner Kreis von gut 40 Jugendlichen und einigen Lehrerinnen, die sich am frühen Nachmittag im Versammlungsraum einfinden. Zwei Schüler moderieren. „Herzlich willkommen“, sagt Lukas zu Beginn. „Zuerst hören wir Ronja am Klavier.“ Gekonnt fliegen die Hände der Siebtklässlerin über die Tasten. Im Saal ist es still. Dann leitet der Moderator über zum „Tagesordnungspunkt Lob“.

Margret Rasfeld steht auf. „Ich will Henriette loben. Du hast dich beim Prozentrechnen sehr angestrengt, und ich glaube, jetzt hat es Klick gemacht. Und du hast den Test bestanden.“ Eine Schülerin erhebt sich, um „Ben und Jakob zu loben, weil sie sich für die Planung des ,Projekts Herausforderung‘ so stark eingesetzt haben“. Und Nicolas lobt Tarik dafür, dass er auf „etwas Wichtiges“ verzichtet habe, um seine Geburtstagsfeier zu besuchen. Anschließend wird diskutiert – darüber, ob sich die Schule an einer Briefkampagne zum G8-Gipfel im Sommer beteiligen soll. Das Gebet zum Abschluss hätten die Moderatoren fast vergessen. Margret Rasfeld erinnert sie. „Wir beten noch ein Vaterunser“, sagt Lukas. Alle stehen auf.

Ein schwarzhaariger Junge will nicht aufstehen. Er sei doch Muslim. Caroline Treier ermahnt ihn: „Du kannst auch aufstehen und still für dich ein Gebet sprechen.“ Das tut er dann auch. Alles ist hier eben noch neu und gewöhnungsbedürftig. Aber das Zusammenleben funktioniert schon ganz gut.