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Gemeinschaftsschule startet - Berliner Woche - 02.04.08

Seit Anfang Februar erarbeitet die evangelische Schule Berlin Zentrum die Hauptfächer Deutsch, Englisch und Mathematik mit solchen Lernbüros. Allein, zu zweit oder in kleinen Gruppen erarbeiten die Kinder den Lehrstoff in freier Zeiteinteilung. Lehrer stehen für Fragen bereit und achten darauf, dass das Pensum erfüllt wird.

Das Projekt ist ein Vorgeschmack auf den Modellversuch einer Gemeinschaftsschule, von der sich Bildungspolitiker eine individuelle Förderung der Kinder versprechen. Die freie Schule an der Wallstraße ist eine von 16 Berliner Schulen an elf verschiedenen Standorten (siehe Infokasten), die in einer ersten Versuchsphase die „Schule für alle“ vom 1. September an testen werden.

In einer Zeit, in der es auf lebenslanges Lernen ankomme, müsse die Schule die Kinder zu Eigenverantwortung erziehen und ihnen mit Erfolgserlebnissen Selbstbewusstsein geben, ist Margret Rasfeld, Leiterin der Evangelischen Gesamtschule, überzeugt. Die 56-Jährige steht voll und ganz hinter der Gemeinschaftsschule. Nach 30 Jahren im Schuldienst hat die dunkelhaarige Frau vor einem Jahr ihre Position als Leiterin einer Essener Gesamtschule aufgegeben, um an der freien Schule in Mitte noch einmal eine neue Herausforderung anzunehmen. Die braunen Augen funkeln empört, wenn die Pädagogin vom deutschen Bildungswesen spricht: „Ein Drittel der Jugendlichen scheitert in unserem Schulsystem. Das zu ändern, ist eine große Zukunftsaufgabe."

In Gruppen von 25 Schülern sollen die Kinder neben Lernbüros auch Projektunterricht und Lernwerkstätten für Pflichtkurse und Kurse nach persönlichem Interesse besuchen – von der dritten Fremdsprache bis zur Sport. Zertifikate belegen den Lernerfolg. „Die Schüler sind ganz wild auf die Zertifikate“, hat Rektorin Rasfeld festgestellt.
Auch Tara und ihre Mitschülerin Ronja (13) zeigen voller Stolz ihre Bescheinigungen über den Lernbaustein deutsche Literatur. Für Ronja ist es jedoch noch schwer, sich die Zeit richtig einzuteilen. Zu groß sei die Ablenkung in den Gruppenräumen. Dabei gibt es strenge Regeln: „Ich bleibe an meinem Platz“ oder „Ich führe keine Privatgespräche“ steht auf der langen Liste für das richtige Verhalten im Lernbüro.
Das Konzept der Evangelischen Schule ist jedoch nur ein Beispiel für die Arbeit in den neuen Gemeinschaftsschulen. In der Modellphase wird jede Berliner Gemeinschaftsschule nach eigenen Unterrichtsmethoden arbeiten.

Jahrgangsübergreifender Unterricht ist möglich, aber nicht zwingend. Im Unterschied zur Gesamtschule, mit der die Gemeinschaftsschule oft verglichen wird, soll es keine nach Leistung differenzierten Gruppen mehr geben. Ein Probehalbjahr ist nicht mehr vorgesehen.

In der siebten und achten Klasse können die Schulen auch auf Zeugnisse verzichten. „Wir geben den Lehrern eine Kiste voll Werkzeug. Welche sie benutzen, ist ihnen überlassen“, beschreibt Bildungssenator Jürgen Zöllners (SPD) das Konzept.

Rund 1000 Anmeldungen
Die Evangelische Schule Berlin Zentrum hatte mit rund 200 Anmeldungen für die geplanten 75 Plätze die meisten Interessenten unter den künftigen Gemeinschaftsschulen. Rund 1000 Kinder sind bisher nach Angaben der Senatsschulverwaltung für die siebten Klassen der neun weiterführenden Schulen angemeldet, die sich an dem Testlauf beteiligen werden. Welche Eltern die entsprechenden Schulen nur wegen der Wohnortnähe ausgewählt haben und welche gezielt für ihr Kind eine Gemeinschaftsschule wollten, gibt die Statistik nicht her. Nur die Evangelische Schule Berlin Zentrum und die Anna-Seghers-Oberschule im Bezirk Treptow-Köpenick hatten mehr Neuanmeldungen als im vorangegangenen Schuljahr.

In der freien Schule Berlin Zentrum hatte mehr als ein Drittel eine Gymnasialempfehlung – wichtige Voraussetzung, um die Idee einer Schule für alle zu realisieren. Wie viele der Kinder mit Haupt-, Realschul- oder Gymnasialempfehlung an die anderen Berliner Gemeinschaftsschulen kommen, sei noch nicht ausgewertet, so Bernhard Kempf, Sprecher von Bildungssenator Zöllner. Die etwa 1000 Anmeldungen bezeichnet Kempf aber „als sehr großen Erfolg“.

Die Opposition ist weniger begeistert. Die CDU betrachtet die Berliner Gemeinschaftsschule schon als gescheitert, bevor der Modellversuch überhaupt begonnen hat. Dass sich keine Gymnasien an dem Schulversuch beteiligen und auch nicht alle Oberschulen Grundschulen als Partner gefunden hätten, zeige, dass das Vorhaben Gemeinschaftsschule bei Schülern, Eltern und Lehrern „kaum positive Resonanz“ finde, so der bildungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Sascha Heuer. Auch der Landeselternrat findet, dass die Gemeinschaftsschulen keinen guten Start haben, weil zu wenige Bildungseinrichtungen beteiligt sind.

Am „Runden Tisch Gemeinschaftsschulen“, den rund 30 Lehrer, Verbandsvertreter, Bildungspolitiker und Gewerkschafter gegründet haben, um die Idee der Gemeinschaftsschule so weit voranzubringen, haben bisher keine Elternvertreter Platz genommen. „Es ist noch nicht ausreichend gelungen, die Eltern einzubeziehen“, räumt Sprecherin Marliese Seiler-Beck ein. Schulleiterin Margret Rasfeld überrascht die Zurückhaltung der Eltern nicht. Die Gemeinschaftsschule müsse sich erst beweisen, sagt sie und sprüht dabei vor Tatendrang.